Eskapismus und Story sind unvereinbar

Eigentlich verstehe ich mich als Verfechter der Ansicht, dass inkompatible Spielstile ein Märchen sind. Dass 9 von 10 Fällen, in denen es am Tisch zu Unvereinbarkeiten kam, der Grund nicht die Spielstile waren, sondern der Unwillen oder die Unfähigkeit einen Kompromiss einzugehen. Oft einhergehend mit der naiven Vorstellung, dass wenn man nicht genau das bekommt was man will, Unzufriedenheit zwingend die Folge sein muss.

In letzter Zeit habe ich aber vermehrt Unterhaltungen verfolgt, die mich zumindest vermuten lassen, dass bestimmte Herangehensweisen tatsächlich unvereinbar sind. Ich will hier noch nicht von Spielstilen sprechen, weil es mir hier um etwas geht, dass sich nie direkt im Spiel manifestiert. Stattdessen sind es viel mehr Dinge, die einen zur Teilnahme antreiben ohne ein konkretes, erreichbares Ziel darzustellen.

Ich denke, dass sich Eskapismus und Story in einem Rollenspiel nicht zusammenbringen lassen.

Man kann in einer Gruppe Rollenspiel nicht als Eskapismus betreiben, und gleichzeitig Story als wertvollen Inhalt des Spiels verstehen. Eskapismus sollte hier aber nicht als Sammelbegriff verstanden werden, mit dem sich alles betiteln lässt was Spaß macht oder was man wegen des Spaßes betreibt. Nur weil etwas Spaß macht, ist es noch lange kein Eskapismus.

Es geht hier um einen konkrete, greifbare Bedeutung des Wortes. Eskapismus ist etwas erst, wenn wir es betreiben um andere Sachen auszublenden, sie für eine kurze Zeit zu vergessen oder sie einfach nur zu vermeiden. Rollenspiel als Eskapismus in diesem Sinne zu betreiben, heißt in das Umfeld eines Spieles einzutauchen, weil man dort eventuell weniger Verantwortung tragen muss, weniger Leistung erbringen muss und daher weniger Gefahr läuft andere zu enttäuschen. Alle Dinge, die einen abseits des Spiels manchmal in Streß versetzen können oder Druck auf einen ausüben mögen, können im Rollenspiel vernachlässigt und ignoriert werden. Zumindest wenn man Rollenspiel eben primär und auch ausschließlich als Eskapismus begreift.

In diesem Sinne muss man womöglich auch Leute verstehen, die es weder für trivial noch redundant halten einzuwerfen, dass ein Rollenspiel vor allem Spaß machen muss. Dass Spaß und Freude jedes Tun erlaubt und gleichzeitig alles als unnötig abstempelt, was eben nicht diesem Ziel dient.

Wenn man sich diesen Ansatz vor Augen hält, in dem Rollenspiel zum Eskapismus betrieben wird, wird langsam deutlich weshalb Story damit nur schwer vereinbar ist. Wem Story im Rollenspiel wichtig ist, dem ist auch bewusst, dass es deutlich mehr Einsatz und Können von den Spielern fordert als ein Spiel zum Eskapismus zulässt.

In einem solchen Rollenspiel setzt man sich bewusst und gezielt dem Erwartungs- und Leistungsdruck der restlichen Spielrunde aus. Man übernimmt die Verantwortung nicht nur für den eigenen Spielspaß, sondern auch für den seiner Mitspieler. Dieser Umstand wird oft dadurch noch verdeutlicht, dass ausdrücklich story-basierte Rollenspiele mehr Einfluß und auch mehr Interaktionsmöglichkeiten an alle Spieler vergibt. Wenn man Story haben will, müssen alle anpacken.

Hier kommen dann die unterschiedlichen Ansätze nun in einen wie ich denke unlösbaren Konflikt. Während die Eskapisten eben diese Verantwortung und diesen Leistungsdruck gezielt zu vermeiden versuchen und Spielen eben gerade als ein Fernbleiben dieser Dinge begreifen, so ist es für Storyspieler unverzichtbar den Konsens mit den anderen Spielern zu suchen und sich intensiver mit dem Inhalt des Spiels auseinanderzusetzen. Diese Dinge schließen sich soweit ich sehen kann gegenseitig aus. Es ist kein Story-basiertes Rollenspiel möglich, wenn man Eskapismus betreiben will.

Ein oberflächlicher Blick würde hier Eskapismus mit „casual“ gleichsetzen. Aber das halte ich für unzutreffend. Wer Rollenspiel als Eskapismus betreibt, stellt das Spiel selbst durchaus in den Mittelpunkt und sucht sich seinen Spielspaß nicht in anderen Aspekten der Runde. Eskapismus bedeutet eben kein geringes Investment in das Spiel, sondern das Bedürfnis ohne Anstrengung zu spielen. „Casual gaming“ misst dem Rollenspielen als solchem nur eine verhältnismäßig geringe Bedeutung bei. Ein Story-Fokus hingegen fordert mehr von den Spielern. Sowohl was die Kreativität innerhalb des Spiels und die soziale Kompetenz am Spieltisch angeht.

Es sollte offensichtlich sein, dass Spannungen hier oft vorprogrammiert sind und es nur in seltenen Fällen zu Überschneidungen kommt.

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One response to “Eskapismus und Story sind unvereinbar”

  1. Georgios says :

    Wer mit anderen darüber reden will, statt nur mit mir… kann das hier tun: RSP-Blogs Forum

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