Rollenspiel für Erwachsene

Reifeprüfung

Letztens habe ich ein Gespräch mit einem Freund geführt, in dem wir beide bemängelten, dass die öffentlichen Spielrunden in Berlin eigentlich nie unserem Bedürfnis nach einer bestimmten Art von Runde entgegenkamen. Während wir ein wenig nach einer treffenden Umschreibung für unser Rundenbedürfnis suchten, fiel der Begriff „Rollenspiel für Erwachsene“.

Meine Reaktion darauf war gespalten. Zuerst sprang ich sofort darauf an und konnte meine Zustimmung kaum zurückhalten, dann aber folgte eine völlige Umkehr und ich konnte mir nichts fürchterlicheres als das vorstellen.

Die Gründe für meine Ablehnung sind dabei schnell gefunden. Gerade unter Rollenspielern wird dieser Titel oft als Aufforderung und Erlaubnis verstanden, um menschliche Grausamkeiten, Gewalt und Mitleidlosigkeit auszuwalzen und diese Dinge den Ton der Runden vorgeben zu lassen. Das ist als stilistische Entscheidung durchaus legitim und wer daran Spaß hat, der soll sich durch mich bloß nicht entmutigt fühlen. Nur mit „erwachsen“ hat das wenig zu tun. Es ist nur dahingehend für Erwachsene als dass man Kindern und emotional weniger abgehärteten Menschen solche verstörenden Inhalte nicht aufdrängen sollte. Vom prätentiösen Anspruch man würde die Welt „wie sie wirklich ist“ und das „wahre, grauenvolle Gesicht des Menschen“ offenlegen oder thematisieren will ich hier gar nicht erst anfangen. Die Absurdität dieser Behauptung sollte offensichtlich sein. Alles das deckt die Gründe ab, weshalb ich die Bezeichnung „für Erwachsene“ als eher abschreckend empfinde.

Warum dann aber meine erste Reaktion der uneingeschränkten Zustimmung? Was für eine Art von Rollenspiel schwebt mir denn genau vor, wenn ich davon spreche, dass es “für Erwachsene” sein soll?

Die Idee, die hier für mich formgebend ist, lautet Komplexität. Ein Rollenspiel muss mit einer gewissen Komplexität aufwarten um überhaupt die Bezeichnung “für Erwachsene” zu verdienen. Dabei spielen die Regeln eine weit weniger wichtige Rolle als das Verständnis der Gruppe von ihren Charakteren und die Herangehensweise an das Setting. Besonders wichtig in solchen Fällen ist die bewusste Entscheidung der Gruppe für keine Handlung und kein Ereignis nur eine einzelne Ursache zu Grunde zu legen. Die wichtigen und richtungweisenden Ereignisse der Spielrunde, sollte Folge von mehreren Faktoren sein. Das ist gerade in Hinblick auf Charakterführung und Spielweltleitung ein unverzichtbares Element, um ein Rollenspiel auf ein bestimmtes Niveau zu heben. Dieses Ziel setzt natürlich bestimmte Dinge voraus im Umgang mit dem Spiel.

Allen voran muss sowohl Setting, wie auch Charaktere stark genug ausgearbeitet und miteinander verzahnt sein um ein komplexes, anspruchsvolleres Spiel zu ermöglichen. Wenn etwas im Spiel von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden soll, dann muss es diese Faktoren zuerst einmal auch geben. Diese können natürlich nicht alleine im Raum stehen. Sie müssen eingebettet sein in eine Spielwelt, in der diese Faktoren relevant sind und nicht erst erfunden werden, wenn sie jemand benötigt. (Wobei hier die Grenze natürlich fließend sein kann, wann etwas fest stehen muss, damit es legitim ins Spiel eingebunden werden kann. Aber das lässt sich vielleicht in einem eigenen Artikel besser beleuchten.)

Diese von mir ersehnte Komplexität ist natürlich lange nicht erreicht, wenn man lediglich Technologie, kulturelle Gruppen, Metaphysik und Geschichte des Settings mit einer Flut an Details und Besonderheiten übergießt. Diese Dinge können – je nach Interessen von Spielleiter und Gruppe – sehr hilfreich sein, aber das letzte Puzzle-teil, das in meinen Augen eine Rollenspielrunde auf erwachsenes Niveau hebt, liegt in den Charakteren. Genauer gesagt darin was die Charaktere antreibt, ihr Verhalten beeinflusst und sie erst zu einer Figur macht, die mich und vielleicht auch den Rest der Gruppe interessiert.

Für mich ist das ein wichtiger Bestandteil dessen was mir an Rollenspielen Spaß bereitet: die Möglichkeit eben solche Charaktere zu erschaffen, sie zu spielen und mit solchen Charakteren zu interagieren. Charaktere, deren Verhalten nicht allein davon abhängt, was mir als Spieler gerade gefällt oder was ich cool finde; sondern Charaktere, denen man erkennbare und nachvollziehbare Beweggründe zusprechen kann, die sich aus ihrer Situation und aus ihrem Hintergrund heraus ergeben.

Auch wenn sich das sehr verkopft und trocken anhören mag, so habe ich das in der Praxis nie als solches empfunden oder erlebt. Meinen Spielentscheidungen geht in solchen Fällen kein langes Grübeln, Analysieren oder unentschlossenes Abwägen voraus. Die Frage „was würde mein Charakter in dieser Situation tun?“ stellt sich mir nie. Sein Verhalten ist eben nachvollziehbar, schlüssig und aus den unterschiedlichen Teilen des Settings und des Hintergrundes gegeben. Das Ironische an der Sache ist ja eben, je komplexer und vielseitiger die Spielwelt ist, umso einfacher kann ich entscheiden wie der Charakter sich verhält. Nur bei wenig angespielten Settings und Hintergründen, fällt es mir schwer in das Spiel einzusteigen. Das Verhalten der Charaktere bleibt in diesen Fällen sehr oberflächlich, voller Klischees und oft nur eine Variation von altbekannten Verhaltensmustern. Dementsprechend ist meine Begeisterung für solche Runde auch eher gedämpft.

Was ich vermisse ist eine Rollenspielrunde, die sich durch Sorgfalt im Spiel auszeichnet, darauf ausgelegt Komplexität zu erzeugen, statt sie zu meiden, und die es so erlaubt Charaktere zu spielen, die am Tisch als plastisch und interessant empfunden werden.

Rollenspiel für Erwachsene, eben.

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7 responses to “Rollenspiel für Erwachsene”

  1. Georgios says :

    Im RSP-Blogs Forum kann man sich bei Bedarf ebenfalls zum Artikel auslassen.

  2. Tagschatten says :

    Nicht viel drüber zu sagen. Ich unterschreibe das mit einigen Zusätzen.

    Charaktere, deren Verhalten nicht allein davon abhängt, was mir als Spieler gerade gefällt oder was ich cool finde; sondern Charaktere, denen man erkennbare und nachvollziehbare Beweggründe zusprechen kann, die sich aus ihrer Situation und aus ihrem Hintergrund heraus ergeben.

    Ist für mich Grundvoraussetzung – Mitspieler, die da nicht mitziehen, bereiten mir nicht unerhebliche Probleme.

    „Erwachsen“ als Bezeichnung finde ich aus denselben Gründen wie Du mißverständlich, „anspruchsvoll“ ist mir anderen Haltungen gegenüber zu herblassend, „komplex“ dito – „Charakterfokussiert?“. I don’t know. Im Englischen gäbs die schöne Dreiteilung in „Mature“, „Adult“ und „Grown-up“, die ziemlich klar ist.

  3. rorschachhamster says :

    Wie gut das ich erwachsen genug bin, um nur spielen zu wollen…😉
    Ich persönlich fühle mich von zuviel Setting, Hintergrund und Geschichte immer eher erschlagen und erdrückt und eingezwängt – sie verhindern es für mich eher das ein Charakter ein eigenes Gesicht erhält. Er wird so eher zu einem Abbild seiner virtuellen Umgebung bzw. zwangsweise ganz anders. Er ist entweder sein eigenes Klischee oder Anti-Klischee. Ist vielleicht eine SL-Seuche, das immer alles passen muß und man sich davon zu sehr beeinflussen läßt.

    • Georgios says :

      So etwas habe ich von einigen Leuten gehört. Du bist da also nicht alleine.

      Ich kann mich gerade nicht daran erinnern, ob es mir irgendwann auch so ging. Beim Herr der Ringe, Star Trek oder ähnlichen Settings habe ich die Details nie als erdrückend empfunden. Allerdings denke ich auch, dass nicht jeder Settingfakt gleich schwer wiegt. Man muss bei seinen Entscheidungen auch nicht jedes, noch so kleine Details beachten.

      Gerade hier hilft einfache Genre-Theorie: solange man grobe Verstösse meidet, und genügend kompatible Einzelheiten aufweisen kann; muss man sich keinen Kopf darum machen, dass man das Genre bzw. den Ton nicht trifft.

  4. tanjathome says :

    „Ein Rollenspiel muss mit einer gewissen Komplexität aufwarten um überhaupt die Bezeichnung “für Erwachsene” zu verdienen. Dabei spielen die Regeln eine weit weniger wichtige Rolle als das Verständnis der Gruppe von ihren Charakteren und die Herangehensweise an das Setting.“

    Also wenn ich den Artikel und deine Schwerpunkte so lese, dann ist „das Rollenspiel“ doch eigentlich völlig egal. Was du ansprichst, lässt sich – gerade weil die Regeln dabei eine untergeordnete Rolle spielen – doch mit im Grunde jedem Rollenspiel umsetzen. Also geht es eigentlich doch viel mehr um Spieler und deren Anspruch an Realismus, Immersion usw., und nicht um erwachsene Rollenspiel-Systeme und derlei, oder?

    • Georgios says :

      Ja, das ist richtig.

      Der Artikel ist weniger eine Kritik an Regelwerken, sondern an Spielrunden, ihren Ansprüchen und ihre Herangehensweise ans Spiel. Eine Herangehensweise, die ich eben mit dem Begriff „erwachsen“ am Ehesten in Verbindung bringen kann.

      Ich bin aber für weitere Bezeichnungen und Beschreibungen offen.

      EDIT: Gerade gesehen, dass sich da ja ein sinnveränderndes „e“ in den Titel verirrt hat. Ich habe das mal eben entfernt. Es geht um „Rollenspiel für Erwachsene“ nicht um „Rollenspiele„. Sorry.

  5. Jan says :

    Hört sich gut an. Eine frage, die ich mir selbst allerdings nicht bestreiten kann, ist: Wie identifiziere ich Inhalte, die den Spielern Komplexität und Anhaltspunkte für ihr Charaktere geben? Ich neige da immer etwas zur Gießkanne. Wenn man wüsste, welche Inhalte ein gutes Potential haben, dann kann man auch deren Qualität leicht steigern. Und man vermeidet ob zu vieler Infos ein Einengen oder Überladen der Spieler.

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