Ein anderer Blick auf Spielleiterstile

Mal was anderes

Ein Thread im Blutschwerter-Forum hat einen Wortwechsel losgetreten, der mich auf eine recht interessante Idee gestossen hat, wie man Spielleiterstile begreifen kann. Die Frage war, ob der Spielleiter den Hintergrund des Abenteuers während des Spiels unter der Hand ändern darf, wenn er die Ideen der Spieler für besser hält.

Die Schwierigkeit diese Situation eindeutig zu bewerten, scheint mir eng an das Konzept der „white lie“ gekoppelt zu sein. Eine Unwahrheit, die dem Wohl der Belogenen oder der Harmonie der Gruppe dienen soll. (Zitat Wikipedia). So wie man seinem Partner sagt, dass der neue Haarschnit toll aussieht; so sagt man auch seiner Spielgruppe, das ihre Idee was es mit dem Abenteuer auf sich hat richtig sei. Die Motivation scheint mir beinahe identisch zu sein. Es geht darum eine unangenehme Tatsache (der unvorteilhafte Haarschnitt bzw. die völlig abwegige These) zu kaschieren, um Frustration oder Enttäuschung zu vermeiden.

Statt des geänderten Hintergrundes könnte es genauso gut ein gedrehter Würfelwurf, ein „übersehener“ Patzer oder ähnliches sein. Man muss schon schwer realitätsfern sein, um so eine Vorgehen kategorisch abzulehnen. Man stelle sich nur mal vor, was passieren würde, wenn Menschen jede noch so kleine Unwahrheit von einem Tag auf den anderen abstellen würden. (Wer davon überfordert ist, der kann sich auf Youtube ein paar Clips zu The Invention of Lying ansehen.) Zu einem gewissen Grad ist es einfach eine Frage des Umgangs mit seinen Freunden, ob man bestimmte Dinge ungeschönt bzw. unverändert darlegt, oder sie zu Gunsten des Gegenübers ein wenig dreht.

Umgekehrt heisst das natürlich, dass ein Spielleiter, der sich zu sehr auf diese kleinen „white lies“ verlässt sich irgendwann fragen muss, warum er das eigentlich tut. Geht es nur darum den Spielern Enttäuschungen zu ersparen? Spielt man tatsächlich mit Leuten die einen Fehlschlag in einer Rollenspielrunde nicht verkraften können und als Reaktion darauf die Spielatmosphäre durch ihren Frust vergiften? Oder tut man das eher aus Eigeninteresse, um sich selbst besser zu fühlen oder um auf eine bestimmte Weise vor seinen Mitspielern zu stehen?

Ich finde es hat einige interessante Erkenntnisse zur Folge, wenn man den eigenen Spielleiterstil unter dem Vorsatz betrachtet, dass er eine Frage des zwischenmenschlichen Umgangs ist und nicht eine Frage von Spielideologien und Spielkonzepten. Ich könnte mir gut vorstellen, dass der eine oder andere vielleicht sein eigenes Spielleiten anders begreift, wenn er sich damit auseinandersetzt in welches Verhältnis er sich dadurch zu seinen Mitspielern setzt.

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6 responses to “Ein anderer Blick auf Spielleiterstile”

  1. Georgios says :

    Im RSP-Blogs Forum kann man sich ebenfalls dazu äussern.

  2. spielleiten says :

    Hm… White Lies sind ein mächtiges Werkzeug. Man kann mit diesen wunderbare Dinge in seiner Rollenspielgruppe bewältigen, aber auch einiges verbocken. Früher habe ich immer mit einem Spielleiterschirm gespielt und ja ich habe dahinter auch schon würfel gedreht. Dieses Vorgehen habe ich inzwischen aber komplett abgestellt und spiele inzwischen in allen Gruppen ohne Schirm. Das Würfeldrehen kam mir dann doch zu viel nach Betrug vor. Ich merkte auch, dass die Spieler merkten, dass ich sie auf diese Weise schützte, ein Umstand der die Spieler nicht glücklich machte -> No risk no fun!

    Ist es eine White Lie Ideen der Spieler aufzugreifen und spontan in sein Abenteuer zu integrieren? Vielleicht. Hier habe ich aber eher das Gefühl, dass auch die Spieler mit dieser White Lie, wenn sie denn eine ist, gut leben können, ja manchmal dies sogar wünschen. In meinen Spielgruppen haben fast alle Spieler schon einmal die Rolle eines Spielleiters übernommen, es gibt da also einen gewissen Drang kreativen Output zu erzeugen. Nehme ich Ideen der Spieler auf, fühlt sich meine Gruppe integriert und ist glücklich. Ich bekomme eine Idee umsonst und bin auch glücklich, da diese besser ist als meine eigene. Eventuell bekommt die Idee noch einen Twist oder eine Schwierigkeit obendrauf gesetzt.

    Haarig und wesentlich deutlicher als White Lie zu kategorisieren ist es natürlich, wenn man lieber eine Idee der Spieler benutzt statt seiner eigenen, obwohl man die eigene eigentlich besser findet. Hier greift für mich der Grundsatz: Rollenspiel soll den Beteiligten Spaß bereiten, der Spielleiter ist aber auch ein Beteiligter! Als Spielleiter stehe in besonderem Maße in der Verantwortung einen amüsanten Abend zu gestalten. Wenn ich also eine Idee des Spielers nehme und dafür meine über den Bord werfe, obwohl ich meine besser fand: Wie will ich dann die Idee des Spielers gut verkaufen können? Es gibt kaum schlimmeres als einen Spielleiter, der keinen Spaß an seinem eigenem Spiel hat.

    • Georgios says :

      Ich denke der Vergleich mit den „white lies“ verdeutlicht vor allem, weshalb eine Extremposition („niemals Würfeldrehen“ oder „die Würfel sagen was ich will“) nicht wirklich haltbar ist. Will man wirklich von Leuten umgeben sein, die einem ausnahmslos/niemals die Wahrheit sagen?

      Aber ich stimme dir dahingehend zu, dass man in den meisten Runden nach einiger Zeit auf solche Würfeldrehaktionen und ähnliches weitesgehend verzichten kann. Irgendwann kennt man sich gut genug und fühlt sich im Spiel wohl, um nur in Extremfällen auf solche Höflichkeiten angewiesen zu sein. Wenn ich mit neuen Leuten spiele, die sich vorsichtig in das Hobby rantasten, dann bin ich eher geneigt extreme Frustmomente durch solche Aktionen aufzuweichen oder abzufedern. Mit Spielern, die sowas kennen und wissen wie der Hase läuft, würde ich das nicht in Erwägung ziehen.

  3. TheClone says :

    Klingt ein bisschen wie „Wir könne nsowieso nie 100% Ehrlichkeit erreichen, also ist es egal wie ehrlich wie überhaupt sind.“

    Die Ideen der Spieler aufzugreifen und daraus eine „white lie“ zu machen, erscheint mir etwas komisch. Mir zumindest geht es im Regelfall so, dass meine Abenteuer genug blinde Flecken haben. Stellen an denen noch Platz für mehr als eine Idee ist. Und im Regelfall füllen die Ideen der Spieler auch genau diese Lücken und man kann sie ohne jede Unehrlichkeit super ausspielen.

    • Georgios says :

      Oh nein. Ueberhaupt nicht. Da verwehre ich mich ganz entschieden gegen. Es geht nicht darum es nicht zu versuchen, es geht darum, dass man eben nicht immer den Luxus hat in solchen Situationen einfach nur das zu tun, was man sich vorgenommen hat. Manchmal ist eine Situation nun mal nicht in ein einfaches richtig/falsch Schema aufzuspalten.

      Konkret ging der Gedanke der „white lie“ eher in die Richtung, dass diese kleinen Anpassungen gemacht werden, um das gemeinsame Miteinander, d.h. das Spielen, zu foerdern. Und das diese Anpassungen eben auch mal auf Kosten der Regeltreue, Verbindlichkeit zur Vorbereitung oder aehnlichem geht.

      Statt sich dagegen mit lauten Phrasen zu wehren und dieses Handeln zu verteufeln, halte ich es eben fuer sinnvoller, es in einem anderen Zusammenhang, naehmlich dem der sozialen Interaktion, zu betrachten. Einen Schritt weg von den Anforderungen, die aufgrund des Spielcharakters an den SL und die Spieler gelegt werden und hin zum Blick auf die Interaktion von der zwischenmenschlichen und sozialen Seite.

  4. TheClone says :

    Kann ich prinzipiell wenig gegen sagen. Aber mir behagt es halt nicht wirklich, weil die eigentlichen „low hanging fruits“ nach meiner Erfahrung ohne „white lie“ funktionieren. Im Regelfall kan man viele oder fast alle Ideen der Spieler so aufgreifen, dass es ihnen Spaß macht ohne dabei etwas an dem vorbereiteten anpassen zu müssen. Aber hängt natürlich vom eigenen Leit-Stil ab.

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