Hamlet’s Hit Points vs Play Dirty

Ich habe vor kurzem Hamlet’s Hit Points von Robin Laws und Play Dirty von John Wick gelesen. Und möchte meine Eindrücke mit sämtlichen 3 Lesern meines Blogs teilen.😉

Play Dirty ist ein dummes, dummes Heftchen von einem Mann, dessen Spass am Spielleiten vor allem daraus entsteht, seine Mitspieler emotional zu manipulieren. Wer die Aufgabe des SLs darin sieht seine Spieler emotional zu beharken, der soll mit diesem Wisch glücklich werden. Ich konnte das Teil nur schubweise lesen, weil mir vom andauernden mit-den-Augen-rollen der Kopf weh tat.

Hamlet’s Hit Points hingegen gibt dem geneigten Leser einen sehr guten Einblick und viele gute Ideen wie der Spielfluss und die Spannungsmomente der Runde dadurch beeinflusst werden, welche Art von Auflösung eine Szene hat.

Laws spricht dabei kaum gross über Rollenspieltheorien, SL-Techniken oder irgendwelche Plot-tricks. Er nimmt sich drei recht bekannte Geschichten (Hamlet, Dr. No und Casablanca) und bricht sie szenenweise auf. Dabei unterscheidet er zwischen mehreren Arten von Szenen (eigentlich Beats, aber diese Unterscheidung möchte ich später erst erläutern), die innerhalb einer Geschichte bestimmte Funktionen erfüllen. Wobei natürlich eingeräumt wird, dass das irgendwo auch nur eine Frage der Interpretation ist und Szenen oft mehrere Funktionen gleichzeitig erfüllen können.

Diese Unterscheidung in Szenenarten halte ich für Spielleiter sehr hilfreich. Wenn ich die Art der vorangegangenen Situation einordnen kann, bin ich in der Lage sehr viel bewusster in eine neue und passende Situation überzuleiten; statt immer wieder in die gleiche Kerbe zu hauen. Eine Plotszene nach der nächsten und das Spiel fühlt sich wie eine unmotivierte Aneinanderreihung von Aufgaben und Kämpfen an. Aber wenn man lediglich Charakterszenen hintereinander wegspielt, seiert man auch nur ziellos in-character vor sich hin. Sowas nimmt dem Spiel schnell die Luft aus den Segeln. Wenn man als SL jedoch zwischen Szenentypen unterscheiden und damit auch wechseln kann, lassen sich so selbst verhältnismässig schlichte Abentuerkonzepte aufpeppen und dynamischer machen.

Noch viel erfreulicher und produktiver hingegen, empfand ich die Analyse der sogenannten Spannungskurve der drei Geschichten. Diese findet nämlich auf einem sehr spiel- und damit praxisnahen Niveau statt. Es werden hier einzelne Beats (also Einzelmomente, die darauf ausgelegt sind eine bestimmte Reaktion zu wecken) betrachtet und nicht gesamte Szenen. Diese Unterscheidung trifft genau das, was mich an allen Diskussionen über Spannungskurven, Akt-Strukturen oder Hero’s Journeys im Rollenspiel stört. Sie finden auf einer zu sehr abstrahierten und für Spieler und Spielleiter kaum nutzbaren Ebene statt. Wenn ich spielleite, vergeude ich doch keinen Gedanken an einen grossen Spannungsbogen, den ich einhalten will; oder reagiere auf Szenen in ihrer Gesamtheit oder folge einem diffusen Konzept der Charakterentwicklung. Ich reagiere immer auf einzelne Momente. Ich reagiere auf einzelne Aktionen der Spieler. Das ist die grundlegende Interaktion über die man sprechen muss, wenn man Erfahrungen, Tipps und ähnliches austauschen will.

Dementsprechend muss man auch auf Einzelmomente/Beats schauen, wenn man sich damit auseinandersetzen will wie eine Spielrunde läuft (oder gelaufen ist) und wie man sie vielleicht besser leiten kann. Dabei unterscheidet Laws grob zwischen einem positiven, einem neutralen und einem negativen Ausgang des Beats. Hier wird deutlich, dass eine gelungene, d.h. mitreissende Spannungskurve in der Regel viel Auf und Ab hat und eben keine kontinuierliche Ansteigung bis zum Höhepunkt bietet. Die simplifizierende Sicht der Akt-strukturen und allgemeiner Spannungskurven wird damit als zu plump und ungenau fürs Rollenspiel entlarvt. Als Spielleiter kann man sich grobe Tendenzen in einzelnen Genren anschauen, aber am Spieltisch selbst zählt die Auflösung der Einzelmomente. Als Spielleiter dafür ein Auge zu entwickeln und mit der Zeit ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann ein Einzelmoment positiv, neutral oder negativ aufgelöst werden sollte… das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis zum Spielleiten, die ich bisher in einem Buch gefunden habe.

Zwischendurch gibt es immer wieder kleine Beobachtungen und Erkenntnisse über typische Spielsituationen und Probleme, wenn man als Spielleiter z.B. zu sehr versucht die grossartigen Einzelmomente aus irgendwelchen Filmen oder Theaterstücken zu übertragen. Obwohl das Buch nur Geschichten aus anderen Medien betrachtet, findet das immer mit Hinblick auf Rollenspielrunden statt. Wer sich fragt wie man eine Spielrunde so spannend wie einen James-Bond-Film hinbekommt, oder so mitreissend wie Casablanca oder so tragisch wie Hamlet, der sollte sich Hamlet’s Hit Points anschauen. Das Buch ist keine Anleitung zum Spielleiten, sondern viel besser… es ist eine Aufforderung sich mit dem am Tisch entstehenden Spannungsbogen zu beschäftigen. Dabei wird einem gleich Handwerkzeug bereit gelegt, so dass der geneigte Spielleiter sich gleich selbst die Geschichten anschauen kann, die er am Spieltisch vor dem geistigen Auge hat.

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7 responses to “Hamlet’s Hit Points vs Play Dirty”

  1. Norbert says :

    Ich habe sowohl Laws' Good Game Mastering, als auch Play Dirty, und beide behandeln völlig unterschiedliche Themen. Mir ist schleierhaft, wie du das vergleichen kannst.Was Laws neues Buch angeht: Ich kenne es nicht, aber dein Bericht über die Beats erinnert mich SEHR STARK an das geniale "Beat Chart"-System von Dream Park — das kam vor 18 Jahren raus und wird heute noch als eines der besten Spielleiter-Hilfsmittel gehandelt.Nichts Neues also unter unserer Sonne.

  2. Georgios says :

    "Mir ist schleierhaft, wie du das vergleichen kannst." Und mir ist schleierhaft wie du darauf kommst, ich würde so etwas tun.

  3. Norbert says :

    Georgios:Play Dirty ist ein dummes, dummes Heftchen von einem Mann, dessen Spass am Spielleiten vor allem daraus entsteht, seine Mitspieler emotional zu manipulieren.Hamlet's Hit Points hingegenDeshalb.

  4. Georgios says :

    Ja, Norbert. Ich habe Hamlet's Hit Points mit Play Dirty verglichen. Ich habe nicht Good Game Mastering mit Play Dirty verglichen. Weil diese beiden Bücher nichts miteinander zu tun haben.HHP und PD hingegen haben bestimmte Ähnlichkeiten. In beiden geht es um emotionale Wirkung. HHP erläutert an 3 Geschichten wie Einzelmomente unterschiedliche Wirkungen auf den Zuschauer haben und wie das Variieren dieser Einzelmomente dazu führt, dass eine Geschichte als sehr spannend, unterhaltsam, mitreissend oder tragisch empfunden wird. DP erläutert wie man seine Position als SL nutzt, um seine Spieler emotional zu manipulieren und zu malträtieren. Es wird einem dort eine Sichtweise auf das Zusammenspiel zwischen Spieler und Spielleiter nahe gebracht, die ich für grenzwertig bis abstossend halte. Die süffisante Schreibe von John Wick macht das ganze nur noch schlimmer.

  5. Joni says :

    Jau ich find den Artikel interessant. Danke fürs aufmerksam machen auf die Werke – Hamlets Hit Points werde ich mir mal bei Gelegenheit zu Gemüte führen.

  6. Captain says :

    Beim Lesen der Überschrift hatte ich zunächst erwartet, auch über Play Dirty etwas inhaltliches zu lesen zu bekommen. Schade saß nicht mehr als ein paar Verriss-Sätze dabei sind.
    Vor allem weil für Hamlets Plötzlich Points so viel Detail steht. Aber die Plötzlich Points kenn ich ja schon.

    • Georgios says :

      Ich gebe zu, dass Play Dirty sich eher durch Zufall in den Eintrag „geschlichen“ hat. Es hatte sich einfach so ergeben, dass ich das Heft kurz nach HHP gelesen hatte. Zum einen fielen mir da bestimmte Parallelen in der Thematik auf und zum anderen haben mich Wicks Ideen sehr auf die Palme gebracht. Aber ausser meinen Unmut über das Heft wollte ich nicht viel darauf eingehen. Dafür gefallen mir seine Anekdoten nicht und ihre Übertragung aufs Rollenspiel bzw. auf (m)eine Privatrunde scheint mir mehr Schaden als Nutzen zu liefern.

      Ich denke das grösste Hindernis ist Wicks Schreibstil. Wenn man den gut findet oder für passend hält, dann stehen die Chancen gut, dass man diese Art der emotionalen Manipulation auch für völlig gerechtfertigt hält. Frei nach dem Motto: „die wollen das doch auch“.

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