[Georgios berichtet] Spiel 2010 – Nachschlag

Hier der zweite Teil meiner Spielerfahrungen in Essen. Die Rollenspielhalle habe ich größtenteils gemieden, weil es dort kaum etwas interessantes für mich gab. Allein der Forge-Stand und die Brettspiele am Pegasusstand haben mich einen Moment lang aufgehalten. Was Rollenspiele angeht, war die Spiel dieses Jahr noch farbloser als letztes Jahr. Aber da ich auch selbst zu grossen Teilen auf PDFs umgestiegen bin, stört mich das weniger. Dafür konnte man hinter der Rollenspielhalle einige Kleinverlage entdecken, die einige Knaller zu bieten hatten und Verkaufsstände, die auch ein paar Euro unter dem üblichen Verkaufspreis Spiele anbieteten.

Junta: Viva El Presidente
– Das Würfelspiel, das wie die Neuauflage des Brettspielklassikers Junta aussieht und sich eher grob am Original orientiert. Die Thematik ist ein klein wenig überholt, da Bananenrepubliken ganz einfach nicht mehr so wahrgenommen werden, wie es in den 80ern der Fall gewesen sein mag. So versucht Viva El Presidente vor allem damit zu punkten, dass es an das alte Junta erinnert, aber um ein vielfaches schneller spielbar ist. Das wird vor allem dadurch erreicht, dass die grosse, quasi regelfreie Zone des Originalspiels ratz-fatz zu einem schlichten Kartenverteilen reduziert wird, die Posten gänzlich fehlen und statt der (durchaus zeitraubenden) Putschversuche lediglich ein wenig gegeneinander gewürfelt wird und man vielleicht Karten bekommt. Das Spiel ist nett. Es ist nicht fantastisch, es ist aber auch alles andere als eine Katastrophe. Als Ersatz für Junta ist es jedoch nicht zu gebrauchen. Auch sagt mir die grafische Aufmachung nicht so richtig zu. Sie ist viel zu unruhig, unübersichtlich und die Figuren sind allesamt hässlich. Das hat mich auch davon abgehalten, mir die Neuauflage des Brettspiels zu holen. Beim Würfelspiel ist das lediglich ein kleiner Kritikpunkt, aber in Ermangelung überzeugender Argumente für einen Kauf ging ich ohne Viva El Presidente nach Hause.

Small World – Für mich die grosse Enttäuschung der Messe. Zwar auch ein Spiel, das letztes Jahr schon erhältlich war, aber immer im Gespräch war und die grosse Zahl an Erweiterungen legte zumindest eine begeisterte Fangemeinde nahe. Erst recht, wenn das Grundspiel unentwegt verkauft wurde und am Freitag stellenweise sogar ausverkauft war. Ich werde nicht viel über die Regeln sagen. Die einfallsreiche Kombination an Fähigkeiten und Völkern fand ich sehr ansprechend und witzig. Der Spielablauf selbst hingegen war furchtbar dröge und langweilg. Es gibt keine Interaktion. Man kann praktisch stumm Plättchen herumschieben und eigentlich den Raum verlassen während man nicht am Zug ist.

Zombie Cinema – Hier hat mir Eero eine kurze Zusammenfassung des Spielprinzips erklärt. Nach dem Forge-Prinzip gab es eine Micro-Session mit dem Spiel. Wie der Name schon sagt, geht es um Zombiefilme bzw. das Genre des Zombiefilms und man spielt innerhalb dieser Dinge eben einen Rollenspiel One-Shot. Die Charaktererschaffung ist sagenhaft schnell. Es werden drei Eigenschaftskarten gezogen (ich bekam Macho, Loved Ones und ich glaube Loner oder so) und schon hat man den Archetypen, den man spielt. Ein rudimentäres Scene Framing-System rahmt die Interaktion ein. Auf einem kleinen Spielbrett kann man sehen wie nah die einzelnen Charaktere ihrem Ziel sind (den Zombies zu entfliehen) und wie sehr die Zombies ihnen auf den Fersen sind. Bei Erfolg zieht ein Spieler nach vorne, bei Misserfolg fällt er ein Feld zurück. Wirklich clever wird das Ganze dann durch die Sacrifice-Rule, die es erlaubt eine Figur davor zu retten auf dem Spielbrett von den Zombies eingeholt zu werden, um dafür selbst einen Schritt nach hinten zu fallen. Dadurch entsteht eine nette Dynamik zwischen den Charakteren und den Spielern. Alles in allem hat mich der Minimalismus des Spiels sehr beeindruckt, aber das Genre dann doch eher gelangweilt. Ich denke das Grundsystem liesse sich auf viele andere Genres umstellen, wenn man bereit ist das Einholen der Figur durch die „Gefahr“ nicht mit dem Tod der Figur gleichzusetzen. Das zweitbeste Zombie-spiel auf der Messe für mich.

Quest – Hier habe ich nur das Ende der Demorunde mitbekommen und bin kopfschüttelnd gegangen. Die Absicht mag lobenswert sein. Die Umsetzung scheint mir jedoch gänzlich an der Zielgruppe und dem Spielgegenstand vorbei zu gehen. Wer ein Rollenspielprodukt für Einsteiger entwerfen will, sollte daran arbeiten ein gutes Spiel zu entwerfen. Quest schien mir spielerisch wie auch von der Aufmachung her eher den verstaubten Vorstellungen irgendwelcher Alt-Rollenspielern Genüge tun zu wollen, statt einem neuen (oder sogar jungen) Publikum zu zeigen warum Rollenspiele irgendwie doch einen Heidenspaß machen können. Es hat mich nicht gewundert, dass es gegen Ende der Messe für immer weniger Geld angeboten wurde.

Justifiers – Christian Lonsing war so nett das Spiel kurz zu erklären. Es gibt einige Ideen in dem Spiel, die ich recht ansprechend fand. Das Erkundungssystem mit den Spielkarten wirkte interessant, auch wenn ich den Versuch das mit einem Rollenspiel zu kombinieren für recht praxisfern halte. Überhaupt schien mir das Buch durchzogen von sehr überholten Vorstellungen welche Informationen und Inhalte in einem Rollenspielbuch dringend von Nöten seien. Ein Punkt, der mich auch schon das John Sinclair Abenteuerspiel schnell hat vergessen lassen. Der wirkliche Nachteil des Spiels besteht für mich allerdings darin, dass nicht ganz deutlich wird, wer dieses Spiel eigentlich gemacht hat. Es wäre schön wenn auf den Bannern und Plakaten am Stand vielleicht irgendwo notiert gewesen wäre, auf wen das Spiel zurückgeht. Aus der Erinnerung heraus habe ich den Namen Ulf Menowin im Kopf, aber er hätte auch Klaus heissen können.

Zombie in my Pocket – Ein kleines, aber sehr feines Zombiespiel. Von einem Kleinverlag aufgelegt, spielt man hier ein recht simples Zombieszenario durch. Das stückweise Aufdecken der Umgebung erinnert anfangs an Zombies!!! – das Spiel dass sich mit Munchkin um den Titel des „beschissensten Spiels, für das andauernd dämliche Erweiterungen erscheinen“ prügelt. Aber Zombies in my Pocket ist klein, clever und vor allem schnell gespielt. Wenn man von den Zombies in einem Raum überrascht wird, muss man sich gemeinsam absprechen ob man kämpft oder flieht. An diese Abmachung muss man sich jedoch nicht halten, wenn man anschliessend aus diesen zwei Optionen wählt. Denn alle Kämpfer reduzieren zwar den Schaden, den die Zombies gegen die Spieler ausrichten, aber dafür nehmen die Kämpfer dabei auch Schaden. Wenn jedoch jemand statt zu kämpfen lieber feige flieht, bekommt der Fliehende einen Lebenspunkt zurück und die Kämpfer müssen den Gesamtschaden nun auf weniger Charaktere verteilen als anfangs geplant. So entwickelt sich schnell ein gewisses Misstrauens- und Spannungsverhältnis zwischen den Spielern. Das ist sehr unterhaltsam und auch sehr witzig. Mein klarer Favorit in Sachen Zombiespielen.

51st State – Ein Aufbau-Kartenspiel im post-apokalyptischen Setting von Neuroshima. Man spielt eine von 4 Fraktionen, die nach dem atomaren Holocaust versuchen die USA neu aufzubauen und den 51. Staat zu gründen. Dabei kann man neue Ortschaften überfallen und ausrauben, Handelsabkommen mit ihnen abschliessen oder sie in den neuen Staat eingliedern. Entfernt erinnert mich das Grundspiel an 7 Wonders, weil es auch hier darum geht Rohstoffe zu produzieren, um Karten zu spielen, die selbst wieder Rohstoffe (oder zusätzliche Handlungsmöglichkeiten) bieten. Nur ist 51st State um einiges komplexer und vielschichtiger (und ausserdem fast 15€ billiger). Man kann auch Arbeiter in Ortschaften der Gegenspieler schicken, um sich so 1x pro Runde einzelne Ressourcen zu holen. Diese Arbeiter gehen dann jedoch an den Gegenspieler über, der sie wiederum für die eigenen Ortschaften einsetzen oder sie nach Ressourcen suchen schicken kann. Obwohl mich post-apokalyptische Settings eher abstossen, fand ich 51st State zum einen Recht optimistisch (es geht schliesslich um den Wiederaufbau) und die einzelnen Spielentscheidungen recht ansprechend. Angriffe liefen zwar einmalig mehr Ressourcen, aber Handelsabkommen bleiben für den Rest des Spiels und bereichern die eigene Fraktion langfristiger. Auch das Eingliedern fügt sich in meinem Kopf sehr gut in das Setting und die Atmosphäre des Spiels ein. Das Spiel hat jedoch – ähnlich wie 7 Wonders – verhältnismässig wenig direkte Interaktion. Man kann seine Mitspieler schlecht am Umsetzen ihrer Strategie hindern. Man kann nur hoffen, dass man selbst in der letzten Runde (wenn einer der Spieler mehr als 30 Punkte erreicht) noch einmal richtig Punkte absahnen kann um das Spiel noch zu gewinnen. Eigentlich kein Spiel, das meinen üblichen Vorlieben entspricht, aber das angenehm komplexe (aber nicht überkomplexe) Spieldesign spricht mich sehr an. Allein die winzigen Counter und die die etwas lästig hohe Zahl der Counter macht das Spiel etwas friemelig. Mit ein wenig Bastelarbeit, selbstgemachten Übersichtskarten und Regelzusammenfassungen sollte sich das jedoch legen. (Am Rande: die deutsche Anleitung ist stellenweise falsch oder in ziemliche Unverständlichkeit übersetzt. Ich empfehle die englische Anleitung als PDF runterzuladen und in gross auszudrucken. Das hat so einiges an Kopfkratzen erspart.)

Ich bin mit 4 Spielen nach Hause gefahren (Nuns on the Run, Sator Arepo Tenet Opera Rotas, Zombie in my Pocket und 51st State) und einem Rollenspielbuch (No Dignity in Death: The Three Brides). Das Rollenspielbuch werde ich vermutlich für meine WFRP3-Runde nutzen – die hoffentlich noch dieses Jahr losgeht. Sonst halt im Januar.

Was das Spielen selbst angeht, war die Messe ansprechend, wenn auch nicht umwerfend. Was den Rollenspielanteil angeht, war es eigentlich die Eintrittskarte nicht wert. Ich freue mich einen Einblick in Zombie Cinema bekommen zu haben, aber wenn ich ohne Quest und Justifiers von Poops McGee zu hören aus der Messe gekommen wäre, hätte ich keinen Verlust gehabt.

Dafür haben mir die unterschiedlichen Spieleindrücke viel zu denken gegeben und das wird sich vermutlich bald in einem neuen Podcast oder Blogeintrag niederschlagen. Es war also nicht alles für die Katz.

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Wurde geboren.

One response to “[Georgios berichtet] Spiel 2010 – Nachschlag”

  1. Raoul says :

    http://www.nexus-berlin.de/BerichteHoffe ist Dir so recht, drei kleine Gags von mir drin + leichte Entschärfung + leichte Redigierung (- Überhöhungen) + leichte Kürzung.Ansonsten: Its a wiki, chance it!Grüße

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