Der Reiz des geordneten Chaos

Ich kann mit Rollenspielen, die mit hoher Komplexität und einer großen Menge an Sonderregeln, Ausnahmen und Spezialfällen aufwarten, nichts anfangen. Wie ich vor kurzem feststellen musste, liegt das jedoch weniger an der Komplexität dieser Spiele selbst, sondern an der Art und Weise wie sie von manchen (vielen?) Spielern angegangen werden.

So ist es üblich (und vermutlich eng verwandt mit einer ähnlichen Einstellung unter Brettspielern) das Regelsystem zu studieren, sich mit allen Besonderheiten und Regelkombinationen vertraut zu machen und das Regelwerk dann entsprechend zu manipulieren um ein gesetztes Ziel im Spiel zu erreichen. Es ist die typische Herangehensweise von Spielern, die die Fiktion primär durch die Brille des Regelwerks sehen und Rollenspieltexte klar nach „fluff“ und „crunch“ aufteilen. In solchen Runden ist das Spielen mit einem komplexen Regelwerk eine Frage des Spielstolz. Ich habe damals den Fehler gemacht diese lächerliche Ansicht als untrennbar mit diesen Regelwerken verbunden zu sehen, statt sie dort festzumachen woher sie kommen: die verquere und beschränkte Ansicht irgendwelcher Nerds.

Wenn man sich erstmal von der Vorstellung gelöst hat, man müsste in solchen Systemen unentwegt die taktisch richtige, strategisch klügste und überhaupt beste Option unter allen vorstellbaren Regelpermutationen wählen, wird einem deutlich, dass ein solches Regelvolumen es ermöglicht in eine Welt abzutauchen, die man nicht schon von vornherein durchschaut hat. Eine Spielwelt, die einen noch immer überraschen und erstaunen kann, ganz einfach weil man eben nicht errechnet, was für ein Resultat jede Aktion hat. Nicht weil die Spielwelt unsinnige oder nicht nachvollziehbare Resultate liefert, sondern weil man die Spielwelt über das Erspielte statt durch das Regelwerk wahrnimmt und die Fiktion an oberste Stelle setzt.

Denn das Unvorhergesehene ist essentieller Bestandteil eines jeden gelungenen Rollenspiels. Es gibt eine Vielzahl an Mitteln, wie man sein Spiel damit würzt. Das beginnt bereits mit dem Auswürfeln für das Gelingen von Aktionen, dem Gebrauch von Zufallstabellen um wichtige Ereignisse im Spiel zu bestimmen und reicht bis hin zu etwas Grundlegenden wie der freien Entscheidungsgewalt der Spieler über ihre Charaktere und des SLs über die Spielwelt. Nichts davon sollte sich eindeutig vorhersagen lassen. Im Gegenteil: wenn der Moment erreicht ist, in dem man einzelne Folgen im Vorfeld bestimmen kann, sind diese Dinge nicht mehr von spielerischem Interesse. Daher ist gerade die Unvorhersehbarkeit mit der Menschen Entscheidungen fällen eine herausragende und prägende Eigenschaft von Rollenspielen.

Jedoch ist es gerade in diesem Bereich nötig, dass jeder am Tisch sich selbst kritisch betrachtet, wenn es um die Konsistenz der Entscheidungen geht. Jeder am Spieltisch ist für Konsistenz verantwortlich. Sobald man beginnt hier Dinge schleifen zu lassen, werden Charaktere und Spielwelt zufällig und willkürlich. Ein gut entworfenes, komplexes Regelwerk kann der Gruppe an genau diesem Punkt zur Hand gehen. So lange man regelnah spielt, kann man hier auf die Konsistenz des Regelwerks bauen. Wobei natürlich die Spieler gewillt sein müssen ihre Vorstellungen an die Ergebnisse des Regelwerks anzupassen. Etwas was viele Leute vor einen unauflösbaren Widerspruch stellt, wenn es darum geht die Fiktion mit eigenen und selbstgewählten Inhalten zu fällen. Wie so oft fällt auch hier die undankbare Aufgabe dem SL zu von Fall zu Fall entscheiden zu müssen, ob regelnahes Spiel oder Anpassung an die Gruppenvorstellungen für das laufende Spiel die bessere Wahl sind.

Konsistenz muss aber nicht unbedingt Realismus bedeuten. Selbst wenn viele – in Ermangelung eines besseren Begriffes – von einer realistischen Spielwelt sprechen, obwohl sie eine durch ihre Konsistenz überzeugende Spielwelt meinen. Konsistenz ist zwingend, Realismus ist optional.

Ein komplexes Regelwerk kann dabei helfen eine komplexe oder zumindest erforschungs– und entdeckungswerte Spielwelt zu liefern. Je weniger man versucht das Regelwerk zu durchschauen, desto chaotischer wirkt die Spielwelt. Dieses vermeintliche Chaos gilt es durch den spielerischen Umgang mit der Fiktion zu erlernen und zu meistern. Dieser Vorgang steht im Mittelpunkt beinahe jeden Rollenspiels und führt so zu einem befriedigenden Spielerlebnis.

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