[Odyssee 2007] Ein Rückblick

Auch dieses Jahr war die Odyssee wieder ein sehr angenehmes Wochenende an dem man ausgiebig und nach Herzenslust seinem Spieltrieb frönen konnte. Die Runden an denen ich teilgenommen habe, waren alle von einer hochwertigen Spiellust geprägt und keine meiner Spielrunden musste unter irgendwelchen Querulanten leiden.

Den Anfang machte am Freitag Abend eine Warhammer-Runde bei Robert, der „Geld oder Liebe?“ (engl. „For Love or Money) leitete. Ich spielte einen Weghüter, dessen Eigenschaften ich zwar leider aus Zeitgründen nicht auswürfeln konnte, aber dessen Äußerlichkeiten und Lebenslaufeckdaten ich dann doch nach WFRP-Art durch Würfeln bestimmt habe. So wurde aus dem anfänglich gesichtslosen Wegehüter, schnell der 1,60m große Waldemar, der vor 35 Jahren in einer ärmlichen Hütte im Reikland geboren wurde und in der Zwischenseit irgendwann seine Augenbrauen verloren hatte. Das Spiel hat mir vor allem gezeigt, dass eine der größten Stärken (oder zumindest ihr für mich stärkster Reiz) von Rollenspielen dieser Art – d.h. Spiele bei denen die Spieler nicht über ihre Charaktere hinaus etwas entscheiden – darin besteht, den Spielern viel Freiraum zu lassen ihre Charaktere durch interessante Interaktionen auszuschmücken. Während die Regeln und die vom Spielleiter vorgelegten Situationen das Fundament bilden, können die Spieler mit den Dialogen zwischen ihren Charakteren das Spielerlebnis ausschmücken und so aufwerten. Wenn man das als die Standardspielart des Rollenspiels akzeptiert, so wird deutlich dass unüberlegte oder voreilige Spieländerungen (z.B. verteilte Erzählrechte oder Regeln die das Innenleben des Charakters verändern) schnell zu Irritation am Spieltisch führen können. Auf einmal ist der Teil des Spiels, der sonst vertraute Anforderungen an die Kreativität und den Einfallsreichtum des Spielers stellt, anders und unbekannt. Gerade wenn man sich dann nicht darauf einlassen kann, führt das zwingend zu Frustration. (Etwas was ich diese Odyssee glücklicherweise nicht erleben musste.) Der andere Punkt der mir klar wurde, ist dass eine Flip Mat – wie sie Robert für das Scharmützel am Ende benutzte – eine fantastische Utensilie für Warhammer darstellt. Zum ersten Mal bot es sich an einen Sturmangriff auszuüben und das Kampfsystem nicht auf die selben zwei bis drei schwungvoll beschriebenen Aktionen zu reduzieren. Bei meiner nächsten Bestellung ist eine solche Flip Mat auf jeden Fall dabei. Es juckt mich nach dieser Runde wieder mit meiner Gruppe das Imperium unsicher zu machen.

Im ersten Samstagsblock habe ich Primetime Adventures angeboten. Die Runde füllte sich recht bald und nach einer kurzen und produktiven Ideenfindung einigten wir uns auf eine britische Sportserie namens „Greenhills Polo“. Dabei ging es um eine Gruppe von Farmern aus Greenhills, Boroughshire, die sich zusammenschließen um ihr Dorf zu retten in dem sie ein Poloteam aufstellen und an der Britischen Polo Liga teilnehmen. Die Hauptfiguren waren Hong Kong-Chinese Charlie Weng, der eine Wäscherei besitzt und statt auf einem Pferd auf seiner Kuh Josephine teilnimmt (der Charakter wurde schnell zum Publikumsliebling); der ehemalige Polostar Thomas, der wegen seiner endlosen Egozentrik aus dem Spitzenteam der Pololiga geworfen wurde; der schottische Hobbystratege Craig McFadden mit seiner Begeisterung für die Militärgeschichte Schottlands inklusive eines schwer zu bändigen Hasses auf die Engländer und der walisische Trainer der mit Hilfe des Teams neuen Lebensmut fasst. Ich muss zugeben, dass ich am Ende der Runde sämtliche Charaktere ins Herz geschlossen hatte und gerne weitere Abenteuer mit ihnen gesehen hätte. Hier fiel mir besonders auf, dass eine Serie bei PTA stark davon profitiert, wenn man die besonders überdrehten und obskuren Ideen zur Seite schiebt und sich lieber zurückhält und versucht eine Serie zu erschaffen, die vielleicht wirklich im Fernsehen laufen könnte. Eine der Ideen, die kurzzeitig zur Auswahl stand, war eine Serie in Alaska in denen zeitreisende Spione aus aller Welt gegeneinander zu Werke gingen. Ich denke nicht, dass diese Serie so viel Spaß gemacht hätte. Es ist mir auch klar geworden, dass PTA bei weitem flüssiger und besser läuft, wenn sich alle zumindest ein klein wenig mit Fernsehserien auskennen. Jeder am Tisch konnte so schnell und deutlich beschreiben mit welcher Art von Konflikt und Dilemma seine Figur gerade rang und wir hatten alle ein Gespür dafür wie wir die Geschichte auf Kurs halten konnten, statt in ziellose Charakterinteraktion abzutreiben.

Abends konnte ich in kurzer Zeit Leute für eine Dogs in the Vineyard-Runde finden, die mir ebenfalls sehr viel Spaß gemacht hat. Ich muss meine Spieler vor allem dafür loben, dass sie sich gänzlich auf das Spiel eingelassen haben. Sowohl das Würfelsystem als auch seine Verknüpfung mit Erzählrechten, -pflichten und Wirkung auf Figuren und Spielwelt unterscheidet sich ein wenig von dem, was man von den bekannteren Systemen gewohnt ist. Aber gerade durch die Gewilltheit der Spieler ergaben sich schnell packende und interessante Wortgefechte zwischen den Dogs, die gerade nicht nur durch reines Schauspiel gelöst wurden. Die typischen Anfängeraktionen waren natürlich auch hier unumgänglich. So passiert es fast immer, dass neue Spieler dazu neigen ihre Dogs vorschnelle Urteile über andere Figuren fällen zu lassen und schon beim ‚Hallo‘ versuchen diese durch rhetorische Tricks in Widersprüche zu drängen um sie dann lautstark zu verurteilen. Was mich interessanterweise an die eine oder andere reale Person erinnert. Allein gegen Ende gab es doch einen kleinen Wehrmutstropfen, als ein Spieler einen anderen anstachelte und vor ihm herum prahlte, was die Würfel-‚leistung‘ (und die damit verknüpfte Wirkung auf die Spielwelt) anging. Als es nach dem Spiel kurz angesprochen wurde, löste sich die Spannung aber schnell auf was, wie ich denke, auch den abschließenden Eindruck aller Beteiligten zu Gute kam.

Am Sonntag gab es noch eine Runde Shab-al-Hiri Roach, die laut, lustig und wild war. („Sex-Kulte an der Universität“ wurde schnell ein geflügeltes Wort am Tisch). Allerdings ist mir hier besonders deutlich geworden, dass es hilft Spielern deutlich zu machen, dass sie zwar uneingeschränktes Erzählrecht zugesprochen bekommen sie sich damit jedoch zwingend eigene Grenzen setzen müssen damit das Spielerlebnis nicht darunter leidet. Die Erfahrung mit klassischeren Spielsystemen lehrt zwar, dass sowohl der Spielleiter als auch in einzelnen Fällen das Regelsystem selbst dafür sorgt, dass ein Spieler nur schwer das Spiel aus den Fugen werfen kann; aber das äußerst einflussreiche Erzählrechte Hand in Hand mit einer Verantwortlichkeit gegenüber der restlichen Gruppe gehen. Etwas was die Gruppe sehr gut umzusetzen wusste und sich nur in einzelnen Fällen durch die gemeinsame Heiterkeit (und die zum Teil sehr ungewöhnlichen Befehle der Schabe) dazu verleiten ließ Ereignisse zu erzählen, die vielleicht einen Deut zu überdreht waren. Allerdings ist auch dass etwas in dem Spieler mit zunehmender Spielerfahrung sicherer werden und mit der Zeit ihre Erzählungen sehr exakt an den Gruppenkonsens anpassen können.

Abschließend kann ich nur bemerken, dass die Odyssee wieder ein sehr unterhaltsamer Con war und ich durch das Spiel mit neuen Spielern wieder etwas mehr über das Rollenspiel und Spielvorgänge gelernt habe. Ich freue mich schon auf die Nächste.

About Georgios

Wurde geboren.

2 responses to “[Odyssee 2007] Ein Rückblick”

  1. Robert says :

    Hallo Georgios,danke für die Einsichten zur Wrhammer-Runde. Wenn du mir noch Kritik geben willst, dann her damit. Direkte Spieler-Kritik oder Verbesserungsvorschhläge gibts leider viel zu selten.Hier noch ein Link zu Warhammer mit schönen Tabellen zur Charaktererschaffung: http://www.davesgames.net/wfrp2/zip/ECM-v2.zipGrüße, Robert

  2. Georgios says :

    Deine Runde hat mir gut gefallen. Ich hätte mir lediglich gewünscht, dass du die Gruppe hier und da stärker aufs Ziel ausgerichtet hättest. Gerade in den Momenten in denen wir etwas ziellos umherirrten (der Schmied und der Wachmann) verlor die Runde viel an Fahrt, was ich sehr schade fand. Ich denke ein wenig mehr Druck von Seiten des SLs wäre da nicht verkehrt gewesen. Da es sich um eine Con-runde handelte, hätten sich auch jeder irgendwelche railroading-vorwürfe verkniffen. (Aber da eh kaum noch jemand zu wissen scheint, was das eigentlich ist… sollte das einen eh kaum jucken. 😉 )Die unterschiedlichen Stimmen der NSCs haben mir aber sehr gut gefallen.

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